Ein neues kulturelles Zentrum entsteht

 

Man läuft zwar Gefahr, sich den Kopf an einem der Balken anzustoßen. Aber das Publikum im Wirtshaus am Erdweg nahm solche Kontakte gelassen hin.


Die Couplet AG eröffnete im renovierten Wirtshaus das Programmjahr 2016. Es zeigt sich, wie sehr die Gemeinde eine solche Einrichtung braucht.

Von Petra Neumaier, Erdweg

Es lebt, das Wirtshaus am Erdweg. Daran gibt es spätestens seit vergangenem Wochenende keinen Zweifel mehr. Im Erdgeschoss schmausen an jedem Tisch die Genießer, im ersten Stock stoßen Besucher fröhlich mit einem Gläschen Sekt an - und unter dem Dach nehmen andere schon einmal vor der Bühne Platz. Die Premiere, die der Kulturverein Erdweg e.V. mit dem Auftritt der Couplet AG feierte, hätte nicht heiterer, stimmungsvoller und schöner sein können. Und sie zeigt, wie sehr die Gemeinde eine kulturelle Einrichtung, wie das Wirtshaus, braucht.

Auch wenn seit der feierlichen Einweihung zum Ende der Sanierungsarbeiten bereits neun Monate vergangen sind: Ein Jeder muss unwillkürlich aufatmen, wenn er das Wirtshaus am Erdweg betritt. Viel zu lange hatte das historische Gebäude, dessen Grundmauern mindestens auf das Jahr 1468 datiert werden, vor sich hingedümpelt. Und zu tief saß der Schrecken, als einst beschlossen werden sollte, das marode Gebäude dem Erdboden gleich zu machen. 2009 hatte sich damals eine Interessengemeinschaft formiert, die für das Haus kämpfte. Tatsächlich ließen sich die Gemeinderäte überzeugen. Zwei Jahre später begannen die Sanierungsarbeiten, bei denen die Mitglieder der Interessengemeinschaft selbst kräftig mit anpackten. Was den Erdwegern halt lieb ist, dafür setzen sie sich beispielhaft ein.

Ein Haus, das möglichst Bürger aller Altersgruppen anspricht

Mit dem gleichen Engagement und Herz ist jetzt der Kulturverein dabei, das herrliche Gebäude mit kulturellem Leben zu füllen. Einem, das möglichst viele Bürger aller Altersgruppen anspricht und in dem sie sich nicht nur unterhalten lassen, sondern auch selbst zur Unterhaltung beitragen. "Das Haus steht allen Erdwegern zur Verfügung, deshalb ist es wichtig, dass sie sich hier präsentieren und wiederfinden", sagt Gesa Blaas.

Die erste Vorsitzende des erst im November 2015 eingetragenen Vereins steht 50 Mitgliedern voran, von denen ihr etwa die Hälfte hoch motiviert zur Seite stehen. Nur so schaffte sie auch mit der Premiere eine Punktlandung: Die Webseite ging am Donnerstag ins Netz, die Flyer mit dem ersten Halbjahresprogramm, kamen nur wenige Stunden vor dem Sektempfang frisch aus der Druckerei. Allzu viele Veranstaltungen stehen noch nicht darauf, angesichts der kurzen Zeitspanne sind die sieben Termine aber doch eine ganze Menge: die Couplet-AG; das Klapp-Theater für Kinder "Tom und Dudel (21. Februar); die Percussion-Show "Drum-Stars" (15. April); die Beteiligung mit einem Kinder-Kunstprojekt auf der Ega (24. April); Martin Prochaska & Rainer Diener mit eigenwilligen Gedichtinterpretationen (4. Juni); eine Aufführung der Theatergruppe Grundschule Erdweg (19. Juni) und ein sommerlicher Swing-Frühschoppen von Blumes Kleines Orchester (3. Juli). Für das zweite Halbjahr steht schon eine ganze Reihe von Veranstaltungen fest. Darunter eine Vorstellung von Kabarettist Rudi Zapf und ein Musikworkshop für Jugendliche mit anschließendem Konzert, sowie ein Blues- und ein Literaturabend.

2016 01 26 couplet ag perlen fuer das volk Foto Niels P.Jørgensen

Passend zum Thema der Couplet-AG "Perlen für das Volk" servierte Wirt Hubert Ekl ein hervorragendes Perlhuhn.
(Foto: Niels P. Jørgensen)

Nur zehn Tage ohne viel Werbung brauchte es, schon waren alle Plätze vergeben

Wie groß der Bedarf an kultureller Unterhaltung ist, zeigte die Premiere: Nur zehn Tage ohne viel Werbung brauchte es, schon waren alle 156 Sitzplätze vergeben. Ein großer Erfolg war die Kombinationsmöglichkeit der Eintrittskarte mit einem Essen in der Wirtschaft: Passend zum Thema der Couplet-AG "Perlen für das Volk" servierte Wirt Hubert Ekl ein hervorragendes Perlhuhn, das in höchsten Tönen gelobt wurde. Sogar von den eigentlich sehr kritischen Kabarettisten. "Da kann sich ein Schuhbeck nur verstecken", sagte zum Beispiel Darsteller Jürgen Kirner. Auch künftig sollen Veranstaltungen mit einer speziell zum Thema passenden Speise gewürzt werden. "Wir haben ein Riesenglück, dass wir nicht nur einen hervorragenden Wirt haben, sondern einen Partner, der sogar den Sektempfang zur Premiere spendierte", lobte Gesa Blaas.

Nicht ganz einfach wie der Ausverkauf erwies sich die Bestuhlung des großen Veranstaltungssaales im ehemaligen Speicher der Tafernwirtschaft. So herrlich die Balken und frisch verputzten Kamine für Atmosphäre sorgen, so schwer war es, 156 Stühle so zu verteilen, dass ein Jeder sehen und die vorgeschriebene Breite der Fluchtwege eingehalten werden können. Kurzfristig mussten die Vereinsmitglieder alles noch einmal ändern, weshalb die Nummerierungen der Sitzplätze durcheinander kamen. Die Suche mit Hilfe von Plänen war aber eher heiter als nervig und überraschend schnell abgewickelt.

2016 01 26 couplet ag alle sind zufrieden Foto Niels P.Jørgensen

Alle sind zufrieden: Manfred Kircher (links) von der Interessensgemeinschaft Erdweg.
(Foto: Niels P. Jørgensen)

Dank der bissigen Szenen wurde den Zuschauern schnell warm

Etwas frisch war es in dem hohen Speicher außerdem, aber bei den bissigen politischen und gesellschaftskritischen Szenen und Lieder der Couplets Jürgen Kirner, Berni Filser, Bernhard Gruber und Bianca Bachmann, wurde den Zuschauern schnell warm. Als "Glücks-Coaches" agierten die preisgekrönten Kabarettisten auf der Bühne und sorgten mit "Horsti Hasenbein, Bayerns Überraschungsei", "Söder-Rektal-Zapferl", dem Lied über FC-Bayern Spielerfrauen ("I bin blond, i bin jung und überirdisch schlau - i werd Spielerfrau"), Latte Macchiato-Müttern ("die haben im Hirn nur Milchschaum drin"), ihrer Hommage an die Bierbäuche ("des is ja ein Paradies in Erdweg") und pränatalen Frühförderung-Spinnereien durchweg für breite Zustimmung.

Drei Zugaben mussten sie geben. Lang wurde deshalb der Premieren-Auftakt, von dem sich niemand so recht verabschieden wollte. Auch die Kabarettisten nicht, die trotz der einen oder anderen schmerzhaften Begegnung ihres Kopfes mit den tiefen Balken begeistert von der Räumlichkeit und dem Publikum waren. "Wir kommen bestimmt wieder", versprachen sie. Zufriedenheit war auch Gesa Blaas, die jetzt gespannt auf die beantragte, bessere Ausstattung wartet: eine eigene Bestuhlung, eine eigene Bühne, eine Musikanlage, Leinwand und ein Beamer - "Dann können wir sogar eine Kinovorstellung anbieten", freut sie sich.

"Hier fühlt man sich einfach daheim"

Besonders gefreut haben sich aber die Besucher. Wie Elisabeth Strixner und Inge Deuflhart, die froh sind, jetzt nicht mehr unbedingt zu kulturellen Veranstaltungen nach München fahren zu müssen. "Hier fühlt man sich einfach daheim", sagen die beiden Erdwegerinnen unisono und auch Wolfang Möller aus Oberroth ist sicher: "Ich war nicht das letzte Mal hier."

Back to top